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Berlin – the Place to be?

Was fasziniert die Menschen so an meiner Heimatstadt Berlin?

Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich die Touristenmassen im Stadtzentrum sehe. Ich bin selber nur noch ein oder zweimal im Jahr in der „Heimat“. Sobald ich davon erzähle, dass ich aus Berlin ins beschauliche Mayen und später  nach Polch gezogen bin, werde ich gefragt: Wieso? Berlin ist toll, Berlin ist Kultur, Berlin hat Jobs, Berlin ist Party, es gibt jedes Mal etwas Neues zu sehen.

Ja, nein, vielleicht ein wenig.

Berlin ist laut, Berlin ist unruhig, ein Moloch, dreckig und unentspannt. Das ist in der Regel meine Antwort auf die Fragen.

Ich denke die Wahrheit liegt darin, dass die Stadt alles das oben Genannte ist.

Viele Berliner sehnen sich nach Ruhe und Entspannung. Wirklich jedes Mal, wenn ich Besuch von meiner Mom bekomme sehe ich, dass es ihr gut tut hier runter zu kommen. Polch ist langweilig – viel flaches Land, wenig Wald und das Gegenteil von hektisch. Aber das reicht einem nicht immer. Kultur und Kunst, Jobs und Party gibt es nur in der nächsten größeren Stadt und dafür muss man 20-30 Minuten mit dem Auto fahren. Und ohne Auto ist man sowieso aufgeschmissen, denn Busse fahren im besten Fall einmal in der Stunde.

Hier auf dem Land sehnen sich die Leute nach der großen Stadt und möchten etwas erleben, auch mir geht es so, dass ich mich hin und wieder zurück sehne. Schnell mit der S-Bahn in die City und mit den Freunden ins Kino, oder in die Kneipe an der Ecke.

Kneipen gibt es in den Dörfern auch, nur sind diese selten Hip oder Trendy. Aber braucht man das? Hip verdoppelt den Preis Trendy vervierfacht. Das Essen und das Bier sind nicht besser oder schlechter, die Leute nicht netter oder intelligenter. Alles Vorurteile!

Ja, in der großen Stadt gibt es mehr Kunst und Kultur und man bekommt immer auch wieder Neues zu sehen. Gerade als Fotograf macht es Spaß in einer größeren Stadt die Leute zu beobachten. Man setzt sich mit seiner Kamera und einem Kaffee in einen Park auf die Bank und wartet. Leider hat die DSGVO hier einen noch größeren Strich durch die Planung gemacht.

Aber auch diese Ruhe hat heute kaum noch einer, alles muss schnell gehen: schnell zur Arbeit, nur keine Minute verschenken, jeder Handgriff ist getimed, jeder Bürstenstrich. Um Punkt 7:13 Uhr muss ich die Wohnung verlassen um 7:27 Uhr die Straßenbahn zu bekommen und um 7:41 Uhr den Anschlussbus. Ich will ja auch um 8:23 Uhr auf Arbeit sein, damit ich noch kurz mit den Kollegen reden kann. Aber wehe es greift mal ein Rad nicht in das Andere und man ist nur eine Minute zu spät an Einer der Stationen. Siehe da, das Konstrukt fällt in sich zusammen und man bekommt Panik. Man rennt ohne auf seine Mitmenschen zu achten die Mutter mit dem 5 Jahre alten Kind über den Haufen, die eine halbe Stunde U-Bahn fahren muss, weil es bei ihr im Viertel keinen Kindergartenplatz gibt. Vielleicht stolpert man auch noch über den Penner an der Ecke und kann noch über den faulen Sack motzen. Und der Heimweg ist nicht besser, die Bahn ist voll, mein Sitznachbar hat schon die Pulle Bier in der Hand ein Stück weiter sehe ich schon den Schnaps. Es stinkt nach Schweiß, Bier und S-Bahn. Die Leute kämpfen um jeden Zentimeter freien Raum und die Mitmenschen sind störend und nervig. Keiner schaut sich mehr in die Augen. Jeder hat Kopfhörer in oder auf den Ohren und schaut aufs Smartphone oder Tablet. Ein Buch sieht man nur Selten, die Tageszeitung, was ist das? Nachrichten fließen über Filterblasen und Facebook in unser Smartphone und in dieser schnellen Zeit wird noch ein Bild geliked von einer Person, die ich nur flüchtig auf dem Korridor meines vorletzten Arbeitgebers kennen gelernt habe. Fünf Sekunden später ist es sowieso wieder vergessen. Das ist Berlin, das ist aber auch jede andere Großstadt in Deutschland. Klar hat man die Chance Kultur zu erleben, doch die Allermeisten sind von ihrer Arbeitswoche so erledigt, dass sie froh sind am Wochenende zu Hause zu sein und vielleicht noch zum Wannsee oder Müggelsee fahren um ein wenig zu entspannen, weil Montag geht die ganze Hektik wieder los.

Warum also finden viele Menschen die Großstadt so toll? Die Antwort ist mir selber rätselhaft ich stelle mal Vermutungen an.

Es ist so ganz anders als das Leben auf dem Land oder in der Kleinstadt, hier kennt man sich wenigstens vom Sehen her. Die Anonymität in der Großstadt stellt ein Faszinosum dar, das man aber wenn man es kennen gelernt hat eigentlich nicht so sehr mag.
Man hat in der Stadt viel mehr Auswahl bei den Aktivitäten. Als Tourist sieht man selten, dass es nur wenige Bewohner der Großstädte sind, die sich Kultur und Kunst ansehen oder überhaupt leisten können. Es sind häufig die frisch Zugezogenen und Touristen. Spätestens nach einem halben Jahr kommt der Alltagstrott. (s.o.)

Es ist aber auch die Konsumgesellschaft, die einem das Leben in der Stadt schmackhaft macht. Ladenöffnungszeiten Mo-Sa 6-23 Uhr und an vielen Sonntagen ebenfalls. Es gibt Einkaufszentren, Konsumtempel etc.

Ich liebe die kleinen Märkte in den Stadtteilen Berlins – am Kollwitzpark oder Maybachufer oder in Friedrichshagen. Hier sind Idealisten, die ihre alternativen Produkte anbieten. Auch das ist Berlin, die Kieze in den Bezirken, das Bunte Volk. Aber das habe ich erst sehr spät für mich entdeckt, Touristen verirren sich in die Kieze nur selten und die „Neuberliner“ lernen diese Orte auch erst später kennen.

Ich verdamme die Stadt nicht, ich vermisse sie zum Teil sogar. Ich habe in Köpenick gewohnt, ich kam in 15 Minuten im Sommer zum See und konnte vieles per Rad erledigen und der Wald war nur 5 Minuten Fußweg entfernt. All das fehlt mir hier, wo ich wohne und natürlich der öffentliche Verkehr, der in Berlin außerordentlich gut läuft, auch wenn die Berliner über S-Bahn und BVG motzen.

Viele Dinge in Berlin habe ich erst kennen gelernt nachdem ich weggezogen bin. Viel Kultur und Reizvolles sieht man erst wenn man als Tourist zurück kehrt. Meine Frau und ich nehmen uns bewusst bei jedem Familienbesuch in Berlin einen oder zwei Tage an denen wir uns wirklich wie Tourist verhalten. Ab ins Theater, den Zoo, Konzerte, Museen, Märkte in In-Bezirken. So habe ich Berlin zum Teil wieder lieben gelernt. Ich freue mich zurück zu kommen, meine Familie besuchen, Freunde treffen und Tourist sein. In meiner Zeit als ich Berlin gewohnt habe war ich ein einziges Mal am Brandenburger Tor und einmal auf dem Fernsehturm. Zoo und Tierpark waren mir bekannt aber oft war ich nicht dort. Seit ich nicht mehr in Berlin wohne nutze ich das kulturelle und touristische Angebot der Stadt. Vielleicht vermisst man Dinge erst, wenn sie aus der unmittelbaren Reichweite verschwunden sind auch wenn man sie vorher nie genutzt hat.

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